Schalke 04 – Als die Besatzungsmacht gehen musste: Wie sich vor zehn Jahren S04 und Felix Magath trennten

Wer den neuerlichen Wahnsinn beim FC Schalke 04 rund um das Anwerben von Ralf Rangnick als Sportvorstand als beispiellos oder einmalig empfindet, ist entweder sehr jung, kennt die Bundesliga nicht lang genug – oder ist ein guter Verdränger. Eine Erinnerung an die Zeit, als Schalke 04 als amtierender Vizemeister Rangnick zu seiner zweiten Amtszeit verhalf – und davor noch einen sehr mächtigen Vorstand-Manager-Trainer namens Felix Magath loswerden musste.

Am Ende war nicht einmal klar, wer wen rausgeschmissen hatte. Am Vormittag des 16. März 2011 war der Aufsichtsrat des amtierenden Vizemeisters, DFB-Pokalfinalisten und letzten verbliebenen deutschen Klub in der Champions League FC Schalke 04 zu einer Sondersitzung zusammengekommen.

Einziger Tagesordnungspunkt: Diskussion und Abstimmung über die Abberufung eines Vorstandsmitgliedes. Der abzuberufende Felix Magath hatte seine Teilnahme an der Sitzung kurzfristig abgesagt und über seinen Anwalt mitteilen lassen, dass die Teilnahme “keinen Sinn” ergebe. “Wenn Herr Magath die Gelegenheit zur Aussprache erhalten soll, muss er wissen, worum es in der Sitzung überhaupt geht”, ließ Magath mitteilen.

Am Nachmittag meldete sich der Anwalt erneut: Sein Mandant habe die “unberechtigte und unwirksame Abberufung als Vorstand zum Anlass genommen, seinen Anstellungsvertrag mit sofortiger Wirkung zu kündigen.” Auf seine finanziellen Forderungen würde er aber nicht verzichten. Bis zu zwölf Millionen Euro sollten ihm noch zustehen aus seinem bis 2013 laufenden Vertrag.

Was halt alles so geht, wenn man gleichzeitig Vorstand, Manager und Trainer des Fußballvereins Schalke 04 ist. Schalke mag in dieser Negativsaison den Rekord mit den meisten Trainerentlassungen der Bundesligageschichte geknackt haben, doch so bunt wie vor zehn Jahren ging es nicht einmal am Tabula-Rasa-Tag 28. Februar 2021 zu, als nach dem 1:5 gegen den VfB Stuttgart Sportvorstand Jochen Schneider, Trainer Christian Gross, sein Assistent Rainer Widmayer, Athletikcoach Werner Leuthard und Lizenzspieler-Koordinator Sascha Riether gehen mussten.

Schalke 04: Tönnies gab Macht ab

Doch das Quintett hatte auch zusammen nur über einen Bruchteil von Magaths Machtfülle bei Schalke verfügt. Keine zwei Jahre war Magath im Sommer 2009 als Sensationsmeistermacher des VfL Wolfsburg zu Schalke gekommen.

Tönnies, der sich schon damals eigentlich am besten in der Rolle des allmächtigen Patriarchen gefiel, hatte es für eine gute Idee gehalten, die Macht mit dem Schleifer und Meistermacher zu teilen – die Sehnsucht nach dem Titel war damals schon unermesslich, schien aber irgendwie realistisch.

Magath kam, sah, dass kein Geld da war – und tat Magath-Dinge. Teuerster Zugang vor seiner ersten Saison war der junge Lewis Holtby. Der 18-Jährige kam im Sommer von Alemannia Aachen und wurde im Winter an den VfL Bochum ausgeliehen. Bei den A-Junioren und der zweiten Mannschaft fand Magath, der ja durchaus auch Talente entwickeln kann, noch ein paar Juwele wie Joel Matip (damals 17, heute FC Liverpool), Lukas Schmitz (damals 22, heute Venlo), Christoph Moritz (damals 21, heute Jahn Regensburg). Sie wurden alle Stammspieler und stürmtem in einer Mannschaft mit Manuel Neuer, Marcelo Bordon, Rafinha, Heiko Westermann oder Kevin Kuranyi die Bundesliga. Schalke beendete die Saison als Zweiter hinter dem FC Bayern München.

Zwar machten schon da Gerüchte über atmosphärische Störungen auf der Geschäftsstelle die Runde, der Umgangston von Magath und seinen Getreuen war selbst hartgesottenen Schalkern zu laut. “Skeptikern in der Geschäftsstelle kommt sein Stab wie eine Besatzungstruppe vor”, schrieb der Spiegel im August 2010.

Schalke 04: Magath holte 14 neue Spieler, FCB null

Doch Tönnies Idee schien eine Gute gewesen zu sein, der Erfolg entschädigt für Vieles. Die Fans waren bis zum Schluss gespalten. Während die einen “Felix, schmeiß den Magath raus” forderten, pinselten die anderen mit Blick auf Magaths damals neue Facebook-Bemühungen einen hochgereckten Daumen auf Transparente. Und außerdem: Hatte der Vorstand-Manager-Trainer Magath nicht soeben sogar Raul, leicht ergraut, aber eben immer noch ein Weltstar, von einem Wechsel nach Schalke überzeugt?

Und war vom AC Milan etwa nicht Torjäger Klaas-Jan Huntelaar gekommen? Und außerdem noch zwölf weitere Spieler? Eben.

Und hatte der Vorstand Magath nicht sogar behauptet, er habe die Personalkosten gesenkt, indem er die Großverdiener Rafinha (für acht Millionen Euro nach Genua), Heiko Westermann (für 7,5 Millionen Euro zum HSV oder Kevin Kuranyi (ablösefrei zu Dynamo Moskau) oder Gerald Asamoah (an FC St. Pauli verliehen) und 12 weitere Spieler wegschickte? Eben!

Und hatte Meister FC Bayern München nicht sogar komplett auf Sommerzugänge verzichtet? Spätestens hier hätten die Schalker stutzen können.

Die Saison begann schlecht und ging noch schlechter weiter. Magath tat zudem Magath-Dinge: Der Vorstand legte sich mit den Mitgliedern an, weil diese ihm eine Satzungsänderung verweigerten, künftig am Aufsichtsrat vorbei Transfers mit einem Volumen über 300.000 Euro tätigen zu dürfen. Der Manager flirtete im Herbst mit dem HSV und dem sehr jungen Klub RB Leipzig, der Trainer schickte Jermaine Jones zur Regionalligamannschaft, weil der Nationalspieler angeblich den Anforderungen der Bundesliga nicht gewachsen war.

Im Winter trieb Magath, schon immer ein großer Einkäufer und passionierter Kaderumbauer, es endgültig auf die Spitze: Er holte Mittelfeldspieler Ali Karimi, den er mal beim FC Bayern trainiert hatte, und Stürmer Angelos Charisteas, zuvor ohne Verein, buchstäblich aus der Versenkung. Vom VfB Stuttgart kam zudem noch Manager Horst Heldt. Obwohl er es damals dementierte: Tönnies brauchte einen Plan B zu Magath.

Schalke 04: Magath ging zurück nach Wolfsburg

Sportlich lief es in der Rückrunde zwar leidlich besser, Magath führte Schalke ins DFB-Pokalfinale und in das Viertelfinale der Champions League, Angelos Charisteas erzielte bei seinem ersten und einzigen Einsatz für Schalke am 26. Spieltag in der 84. Minute den Siegtreffer zum 2:1 gegen Eintracht Frankfurt. Fünf Tage später war Magath trotzdem Geschichte.

Der damals im Raum stehende Vorwurf: Der Trainer Magath hatte sich zwar vom Sportdirektor und Vorstandsmitglied Magath die Transfers bewilligen lassen, doch der Vorstand Magath hatte es versäumt, sich auch die Genehmigung vom Aufsichtsrat einzuholen. Hatte Magath einfach selbst eine Lex Magath verabschiedet?

Tönnies sagte nach der Abberufung Magaths nur: “Wir haben Revisionen gemacht und dabei Dinge nicht so vorgefunden, wie wir sie vorfinden müssen.” Und: “Dass nachhaltig die Kosten für die Mannschaft reduziert wurden, halte ich für die Aussage von jemandem, der vielleicht nicht ganz genau hingeguckt hat.”

Dabei beließen sie es. Zwei Tage später die überraschende gütliche Einigung. “Sofern Herr Magath zustimmungspflichtige Geschäfte ohne vorherige Zustimmung des Aufsichtsrates getätigt haben sollte, sind diese durch den Aufsichtsrat nachträglich genehmigt worden”, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung.

Wenige Stunden später unterschrieb Schalkes Ex-Vorstand-Manager-Trainer Magath einen Vertrag als Sportgeschäftsführer-Trainer bei seinem alten Klub VfL Wolfsburg, der mittlerweile in akute Abstiegsgefahr geraten war. Schalke hatte bereits am Vortag Horst Heldt zum Manager gemacht und sich mit Trainer Ralf Rangnick, der nunmehr vor seiner dritten Amtszeit auf Schalke steht, auf einen Vertrag geeinigt.

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