“Die Schuld an Schalkes Zusammenbruch liegt sicher nicht bei Schneider”

Bislang gab es 97 Revierderbys zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 in der Geschichte der Bundesliga. Am Samstag könnte angesichts der Krise der Knappen das vorerst letzte hinzukommen. Das hält auch Peter Neururer, Ex-Coach und Mitglied bei S04, für wahrscheinlich.

Im Interview mit SPOX und Goal spricht Neururer über die Hosenschiss-Anekdote, das Zentrum des Weltfußballs, die Fehlerkette bei Schalkes Absturz und die Probleme des BVB.

Herr Neururer, zunächst einmal: Sie erzählten kürzlich die Geschichte, dass Sie vor Ihrem ersten Heimspiel als Trainer von Kickers Offenbach 1999 Apfelwein konsumiert und sich anschließend während der Partie gegen Fürth buchstäblich in die Hose geschissen haben. Wie sahen die Rückmeldungen zu dieser Geschichte aus?

Peter Neururer: Positiv. Ich wurde bislang eben sehr selten auf meinen Start als Trainer in Offenbach angesprochen. Da ich aber relativ authentisch auf so etwas reagiere, habe ich das gerne erzählt. Vulgär ausgedrückt ist es schon eigenartig, wenn man auf Scheiße so gute Rückmeldungen erhält. (lacht)

Sie sind 1955 in Marl geboren und somit ein Kind des Ruhrgebiets. Am Samstag könnte das 98. das vorerst letzte Revierderby in der Bundesliga zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund sein. Sind Sie eigentlich wieder Mitglied bei Schalke? 2009, da waren Sie gerade Trainer des Zweitligisten MSV Duisburg, hatten Sie Ihre Mitgliedschaft ja gekündigt.

Neururer: Das Ganze war einer eigenartigen Verhaltensweise von Teilen der damaligen Schalker Führung geschuldet. Denen ist anlässlich meines Geburtstages ein Fauxpas unterlaufen, der öffentlich wurde und auch die Außendarstellung des Vereins beschädigt hat. Darauf habe ich reagiert, ich bin eben immer konsequent und gradlinig. Das ist dann innerhalb des Vereins besprochen worden. Als die Sache nach einem Gespräch zwischen Clemens Tönnies, Peter Peters und mir beseitigt war, bin ich ein paar Wochen später wieder eingetreten.

Wissen Sie denn, wann es zuletzt ein letztes Revierderby gab?

Neururer: Klar, nach dem Schalker Abstieg 1988. Ein knappes Jahr später habe ich den Verein in der 2. Liga übernommen.

Richtig, genauer gesagt: Zwischen dem 26. März 1988 und dem 24. August 1991 fand damals kein Revierderby in der Bundesliga statt. Es gab aber innerhalb dieser Zeitspanne zwei Derby-Freundschaftsspiele unter Ihrer Leitung als Schalker Coach, der Sie von April 1989 bis November 1990 waren. Erinnern Sie sich noch daran?

Neururer: Natürlich. Eines war in Hagen, das andere im Westfalenstadion.

Das erste endete am 10. Februar 1990 mit 2:2, das zweite gewann Schalke am 2. Juli 1990 mit 3:2 – Dortmund hatte jeweils mit 2:0 geführt.

Neururer: Der Begriff Freundschaftsspiel ist in beiden Fällen aber auch irreführend. Es ging darum, Geld für Schalke einzuspielen.

Wie wahrscheinlich ist es angesichts des aktuellen Schalker Rückstands auf den Relegationsplatz, dass dies erst einmal das letzte Derby im Oberhaus sein wird?

Neururer: Ich bin nicht mathematisch-naturwissenschaftlich unterwegs, sondern Geisteswissenschaftler – und dazu gehören auch Träumereien. Daher habe ich noch den Traum an den Klassenerhalt, doch der ist nur winzig und dämmert vor sich hin. Meine Hoffnung ist, dass der Traum wieder größer wird, wenn wir das Derby gewinnen sollten – und zwar klar gewinnen. Die Wahrscheinlichkeit sehe ich aber als äußerst gering an. Vielleicht sind die Dortmunder aufgrund der verspäteten Rückreise aus Sevilla noch etwas müder. Doch sie müssten schon fast einschlafen, damit wir sie in unserer aktuellen Verfassung schlagen können.

Klaas-Jan Huntelaar wird Schalke dabei weiter fehlen. Diese Personalie passt ins Bild der derzeitigen Lage, oder?

Neururer: So sieht’s aus. Wir haben ja nur noch Matthew Hoppe im Sturm, sonst niemanden. Da müsste man schon auf einen Stürmer aus dem Regionalligateam zurückgreifen. Man darf aber nicht alles nur auf unglückliche Situationen schieben. Wenn ich unabhängig vom Alter Spieler wie Willian, Sead Kolasinac oder Huntelaar verpflichte, ist die Wahrscheinlichkeit doch wesentlich größer, dass es nichts wird als umgekehrt.

Wie meinen Sie das?

Neururer: Diese Spieler haben im letzten Jahr warum auch immer nicht ein einziges Spiel über 90 Minuten gemacht. Wie will ich den Fitnesszustand dieser Spieler überprüfen? Ich kann den Gesundheitszustand überprüfen, aber über die Wettkampffitness erfahre ich dadurch nichts. Das kann dann gutgehen, muss es aber nicht. Dazu kommt der Zeitpunkt der Transfers: Wenn ich neun Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz habe, was sollen die dann sportlich noch bewerkstelligen? Dann solche Verpflichtungen vorzunehmen und Spieler wie Ahmed Kutucu wegzuschicken, das ist nicht nur Pech, sondern auch eine Fehleinschätzung der Situation.

Glauben Sie aber wirklich, dass ein Derbysieg die Wende für Schalke bringen könnte? Der Sieg gegen Hoffenheim ist ja relativ schnell verpufft.

Neururer: Das stimmt, aber das war kein Derby. Ein Sieg im Derby setzt etwas frei und macht dich groß. Dann bestünde zumindest einmal eine Potenzierung der ohnehin geringen vorhandenen Resthoffnung. Doch Schalke muss dafür alles, aber auch wirklich alles gelingen und bei Dortmund muss enorm viel schieflaufen. Vielleicht kommt der BVB ja tatsächlich nicht pünktlich aus Spanien zurück, dann sollen sie die zweite Mannschaft schicken. (lacht)

Ihr Ex-Verein VfL Bochum hat derzeit in der 2. Liga einen echten Lauf und steht punktgleich mit Tabellenführer HSV auf Rang zwei. Aber: Schafft der VfL den Aufstieg nicht, wäre der BVB bei einem Schalker Abstieg der einzige Ruhrgebietsklub in der Bundesliga. Was würde das bedeuten?

Neururer: Das Ruhrgebiet ist das Zentrum des Weltfußballs! Hier wohnen über fünf Millionen Menschen, da wird Fußball gelebt. Wenn diese zahlreichen Derbys aufgrund unterschiedlicher Ligazugehörigkeiten immer seltener werden, dann herrscht große fußballerische Trauer. Das ist Fakt. Für mich müssen mindestens drei Vereine aus dem Ruhrgebiet in der Bundesliga spielen.

Glauben Sie denn an einen Bochumer Aufstieg?

Neururer: Ja, davon bin ich überzeugt. Das hat A mit der Klasse der Mannschaft zu tun und B gibt es zu wenig Konkurrenten auf dem gleichen Niveau.

Wie sehr wird sich Schalke bei einem Abstieg verändern müssen?

Neururer: Strukturell müssten einige Veränderungen vorgenommen werden. Es kann dann nicht mehr sein, dass weiterhin zehn Mann um die Profi-Mannschaft herum arbeiten. Das müsste künftig in konzentrierter Form geschehen, man müsste im gesamten Klub viel Personal einschränken und alles deutlich mehr bündeln, damit man zielgerichtet Richtung Wiederaufstieg arbeiten kann.

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