“Die Methoden von Ede Geyer waren Wahnsinn”

Tomislav “Pipi” Piplica war elf Jahre lang Torwart von Energie Cottbus und erlangte in dieser Zeit absoluten Kultstatus. Berühmt wurde er wegen eines Missgeschicks, seiner Ausflüge aus dem Strafraum und seiner Frisur. Im Interview mit SPOX und Goal spricht der ehemalige Torhüter über seine Karriere – und wie seine langen Haare ihm eine Karriere in der kroatischen Nationalmannschaft verbauten.

Außerdem spricht Piplica, der heute als Trainer der Zweitvertreteung der SpVgg Bayreuth arbeitet, über einen Elfmeter gegen Oliver Kahn und die Arbeit mit Cottbus’ langjährigem Trainer Eduard Geyer. Außerdem erzählt er eine kuriose Anekdote über seinen Wechsel zu Energie Cottbus und spricht natürlich auch ausführlich über sein berühmtes Eigentor mit dem Hinterkopf.

Das Interview entstand im Rahmen des KultKicker-Projekts.

Herr Piplica, Sie haben ihr ganzes Leben mit Fußball verbracht, waren aber nicht immer Torwart.

Tomislav Piplica: Stimmt, ich war zwei Jahre lang Feldspieler. Bei einem Training kam dann der Trainer und wollte auf zwei Tore spielen. Es gab aber nur einen Torwart. Dann stellte ich mich ins Tor. Zufällig war an diesem Tag auch der Torwarttrainer der ersten Mannschaft da und hat zugeschaut. Danach kam er zu mir und meinte, er würde mich mal gerne im Training der ersten Mannschaft testen. Ich war zwölf Jahre alt und überglücklich. Das war ein Tag, den ich nicht vergesse. Es war ein Sprung in eine andere Karriere.

Hätten Sie sich denn eine Profikarriere als Feldspieler zugetraut?

Piplica: Ich denke, ich habe in Cottbus oder der kroatischen Liga bewiesen, dass ich ein moderner Torhüter war. So würde man das vielleicht heute nennen. Damals wurde ich eher als Risikofaktor bezeichnet. (lacht) Aber ich bin sehr froh, dass ich diese ersten Schritte als Feldspieler gemacht habe.


Piplica: “Nationaltrainer Blazevic wollte, dass ich mir vor der WM 1998 die Haare schneide”

Ihr erstes großes Karrierehighlight war die U20-Weltmeisterschaft in Chile 1987. Sie wurden dort mit der Jugendmannschaft Jugoslawiens vor 65.000 Zuschauern gegen die deutsche Auswahl unter Berti Vogts Weltmeister. Was war das für ein Erlebnis?

Piplica: Wir wussten, dass wir eine starke Truppe haben. Aber dass wir so gut waren, hatten wir auch nicht gedacht. In Chile sind wird durchmarschiert und haben sehr mutig nach vorne gespielt gegen jeden Gegner. Wir hatten irgendwann den Eindruck: Wir können gegen niemanden verlieren. In der Mannschaft waren Davor Suker, Zvonimir Boban oder Predrag Mijatovic. Wegen des späteren Bürgerkriegs in Jugoslawien konnten sie leider nie ein großes Turnier zusammen spielen. Aber das waren Topspieler, die später eine große Rolle in den größten Vereinen Europas gespielt haben.

Wie haben Sie nach dem Titel zusammen gefeiert?

Piplica: Ich war immer ein Typ, der gerne die Stimmung in der Mannschaft gemacht hat. Und wenn ich im normalen Leben schon feiere, dann muss ich nach so einem Sieg richtig feiern. In Chile waren auch sehr viele Leute aus Jugoslawien dabei. Daher gab es nach dem Spiel eine richtig große Party. Danach ging es weiter in Belgrad, Zagreb und Sarajevo – heute würde man sagen, es gab in jedem Land noch einmal eine extra Feier. Das war unvergesslich.

Wie verlief die Zeit danach? Es kam ja dann der Bürgerkrieg …

Piplica: Ich habe bei Iskra Bugojno in der Jugend gespielt und ging dann nach Zagreb. Dort haben wir zuerst in der zweiten Liga gespielt, sind dann aber aufgestiegen. Dann kam der Bürgerkrieg. Wir hatten ein Jahr lang nur noch Turniere. Über Ista Pula ging es zu Segesta Sisak. Aber dieser Bürgerkrieg war schlimm. Du hast plötzlich gegen Menschen gekämpft, mit denen du sonst Kaffee getrunken hast. Und plötzlich stehen sie vor Türen und haben Familien umgebracht. Wir Sportler durften immer weiter unseren Beruf ausführen. Wir waren ein Teil der Normalität. Aber wir hatten vier Jahre lang diesen Krieg. Und am Ende hat keiner gewonnen. Alle haben verloren.

Lassen Sie uns ins Jahr 1998 springen. Sie hätten in diesem Jahr an der Weltmeisterschaft in Frankreich für Kroatien teilnehmen können. Nationaltrainer Miroslav Blazevic wollte Sie nominieren, aber er hatte etwas gegen Ihre Optik …

Piplica: Vor ein paar Tagen habe ich mit ihm telefoniert und er begann mit “mein Sohn”. Ich meinte nur, dass ich vor einigen Jahren noch nicht “sein Sohn” war. Blazevic wollte ursprünglich drei Spieler mit langen Haaren nominieren. Allerdings nur, wenn sie sich vor dem Turnier die Haare schneiden lassen würden. Ich meinte daraufhin nur: “Wenn meine Frisur eine Rolle spielt, dann musst du mich nicht nominieren.” Am Ende war ich dann nicht dabei. Das war schade. Mein Ziel damals war die kroatische Nationalmannschaft. Aber ich habe mich danach für Bosnien entschieden. Das war auch die richtige Entscheidung. Ich habe zwar nur zehn Spiele gemacht – aber immer mit Herz und Liebe. Und nach dem Karriereende war ich dort noch Torwarttrainer. Das wäre ohne diese zehn Spiele auch nicht möglich gewesen.

In diesem Jahr wechselten Sie dann nach Deutschland zu Energie Cottbus – dem Verein, mit dem man Sie heute noch verbindet. Doch auch dieser Wechsel war kurios. Sie sollten zum Probetraining kommen, allerdings waren Sie auf den Dokumenten 1,85 Meter groß, in der Realität aber drei Zentimeter kleiner. Das hat Trainer Eduard Geyer überhaupt nicht gefallen. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Piplica: Gleichzeitig mit mir kam auch ein 1,90 Meter großer Stürmer zum Probetraining. Alle dachten, dass er der Torwart sei und ich mit meinen 1,82 Meter der Stürmer. Der Mannschaftsleiter gab mir auch die Klamotten für den Feldspieler und ihm die Torwarthandschuhe. Mit meinem Deutsch war das schwer zu erklären, dass ich der Torhüter war. Über diese Geschichte haben wir später noch gelacht. Aber Ede war an diesem Tag richtig sauer. Er hat uns immer wieder auf die fehlenden drei Zentimeter angesprochen. Ich verstand das Problem nicht. Er meinte dann: “Du bist zu klein.” Ich wollte schon nach Hause gehen. Aber am Ende sollte ich es doch probieren, beim Torschuss war er zufrieden mit mir. Bei den Standardsituationen habe ich alle Bälle weggefischt. Ich war eben doch nicht zu klein (lacht).

Haben Sie sich von Anfang an wohlgefühlt in Cottbus?

Piplica: Unsere Vorbereitung war ja in Österreich und innerhalb von zehn Tagen hatten wir danach schon das erste Punktspiel. Ich hatte kaum Zeit, mir die Stadt anzusehen. Mir war erst mal wichtig, dass das Stadion voll ist und die Mannschaft gut war. Im ersten Spiel habe ich gleich zwei oder drei wichtige Bälle gehalten und wir haben 2:0 gewonnen. Ich denke, dass das erste Spiel immer entscheidend ist. Wir hatten ja 17 neue Spieler. Es war wahnsinnig schwer, alle zu integrieren mit so vielen Sprachen. Für viele waren auch die Methoden von Ede Geyer gewöhnungsbedürftig. Was wir alles gemacht haben, das war Wahnsinn.

Was haben Sie denn gemacht?

Piplica: Wir haben eigentlich viel zu viel trainiert. Immer mehr und mehr. Einmal habe ich gelacht und Ede fragte, warum ich denn lache. Ich meinte: “Ich bin gesund und habe diese zwei Stunden hier geschafft.” Er antwortete darauf, dass am Nachmittag wieder Training sei. Er hat irgendwann eingesehen, dass in meinem Körper ein Tier steckt und er mich nicht kaputtmachen konnte. Er wollte den Jungs immer zeigen, dass er der Chef ist. Und er konnte dann nicht akzeptieren, dass ein Spieler nach seinem Training noch gelacht hat. Aber ich habe mit Ede über sechs Jahre zusammengearbeitet. Er ist ein prima Mensch. Heute bin ich selbst Trainer und verstehe ihn. Wir hatten in Cottbus einen großen Kader mit vielen Nationalitäten. Es war für ihn sehr schwer, uns alle glücklich zu machen. Diese Trainings haben verhindert, dass zu viele Blödsinn machen.

Konnte Ede Geyer auch herzlich sein und etwas Nettes sagen?

Piplica: An sich ist er nett, aber er konnte und wollte das nicht so zeigen. Bei einer Feier fragte ich ihn, wann er mich mal loben möchte. “Warum sollte ich dich loben? Du weißt selbst ob du gut warst oder nicht.” Das war die Antwort. Wir haben viel darüber gelacht.

Die Zeit unter ihm war auch sehr erfolgreich. 2000 stiegen Sie gemeinsam in die Bundesliga auf mit Spielern wie Vasile Miriuța oder Franklin Bittencourt. Was hat diese Mannschaft so stark gemacht? Im Jahr zuvor waren Sie ja noch im Abstiegskampf.

Piplica: Das Jahr zuvor hatten wir – wie schon gesagt – 17 Neuzugänge und wären fast abgestiegen. Mit dem gleichen Kader sind wir dann aufgestiegen. Wir sind als Team stark geworden und haben viele Dinge in der Freizeit unternommen. Wir waren auch sehr erfahren mit einem Mannschaftsdurchschnitt von knapp 29 Jahren. Mit den Familien und den Kindern haben wir zusammen gegrillt – zum Beispiel bei mir in der Garage ein Schwein am Spieß. Die Frauen haben zusammen unsere Spiele geschaut. Gab es einen Mannschaftsabend bei uns, haben sich die Frauen untereinander getroffen. Es gab keinen Neid. Wir wussten, dass wir es nur gemeinsam schaffen können.

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