Mit dem “Berserker” zurück in den Boss-Modus

Eigentlich hatte Bayern Münchens Trainer Hansi Flick Joshua Kimmich vor allem aus Motivationsgründen mit zum Spitzenspiel bei Bayer Leverkusen genommen. Doch die uninspirierte Leistung der Mannschaft – und Kimmichs Halbzeit-Ansage – überzeugten den Coach von einer Einwechslung.

Diesen letzten Beweis für seine Unverzichtbarkeit hätte es eigentlich gar nicht gebraucht. Auch ohne diesen konsequenten Ballgewinn nach Jonathan Tahs “kindischem” (Leverkusens Torwart Lukas Hradecky) Stockfehler unmittelbar vor Robert Lewandowskis hollywoodreifen (frei nach Thomas Müller) 2:1 für den FC Bayern München in der dritten Minute der Nachspielzeit gegen Bayer Leverkusen war die Indizienkette erdrückend.

Klar, die Bayern leben von Robert Lewandowski, ihrem Weltfußballer. Sie gewinnen ihre Spiele dank Manuel Neuer, dem Welttorhüter, dank Thomas Müller, ihrem Weltmarschierer.

Doch nur mit Joshua Kimmich auf dem Platz ist der FC Bayern München der FC Bayern München. “Josh hat Ruhe ins Spiel gebracht, organisiert, angetrieben”, lobte Sportvorstand Hasan Salihamidzic am Samstag. “Jetzt sind wir wieder da, wo wir immer sein wollten: an der Spitze”.

“Wie ein Berserker”, habe Kimmich nach seiner Meniskus-Operation “vor fünf Wochen” gearbeitet, um wieder auf dem Platz zu stehen, attestierte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge im Sport1-Doppelpass am Sonntag dem Mittelfeldspieler, “er hat uns gefehlt. Er ist der zentrale Mann im Mittelfeld.”

Joshua Kimmich sollte gar nicht spielen

25 Minuten (inklusive drei Minuten Nachspielzeit) mit in der Summe nicht allzu spektakulären, in der Qualität aber hochwertigen 20 Ballkontakten, 14 Pässen (12 erfolgreich), drei Ballgewinnen und einer Torvorlage genügten, um den Bayern die in den letzten Wochen so schmerzlich vermisste Stabilität und Präsenz zurückzugeben.

Leverkusen hatte die Münchner vor Kimmichs Einwechslung nicht gerade an die Wand gespielt, Bayern hatte nicht unbedingt Underdog-Fußball gespielt. Doch Leverkusen hatte keinen Zweifel daran gelassen, wer als Tabellenführer und wer als Herausforderer in die Partie gegangen war. Bayern hatte weniger Spielanteile, die Passquote von 76,4 Prozent war auch am Ende noch die niedrigste in der Amtszeit von Hansi Flick. David Alaba und Corentin Tolisso, die im zentralen, defensiven Mittelfeld begonnen hatten, waren bemüht, sorgten aber weder für Druck, noch für Stabilität. Sie liefen viel mit dem Ball, ließen den Ball aber wenig laufen – und liefen so dem Spiel hinterher.

Also tat Flick das, was er eigentlich vermeiden wollte – er wechselte Kimmich ein. Wobei sich Kimmich ein bisschen auch selbst einwechselte. “Es war nicht geplant, dass er spielt”, erklärte Flick hinterher. Erst spät habe sich entschieden, dass Kimmich die Reise nach Leverkusen überhaupt mitmachen würde. Allein seine Anwesenheit bei der Auswärtsreise habe seiner Mannschaft “viel gegeben”, sagte Flick. Kimmichs Ehrgeiz ist legendär.

Doch gegen Leverkusen brauchten seine Mitspieler offensichtlich die volle Ladung Kimmich. Und so bekamen sie sie. “Er hat mir dann in der Halbzeit ganz deutlich gesagt, dass er sich bereit fühlt. Mit ihm, David und auch Jamal (Musiala, für den nach nur 36 Minuten auf dem Platz Leroy Sane weichen musste, die Red.) hatten wir mehr Ballkontrolle im Mittelfeld”, lobte der Trainer und ergänzte unnötigerweise: “Joshua hat heute wieder gezeigt, dass er sehr wichtig ist”.

Auch mit Kimmich schnürte Bayern die Leverkusener nicht ein, doch der Rekordmeister hatte höhere Spielanteile, presste konsequenter und ließ die Leverkusener kaum mehr ins letzte Spieldrittel. Spätestens in der Schlussviertelstunde schienen sich die Leverkusener mit dem Unentschieden zufriedengegeben zu haben – und triggerten so den bayerischen Jagdinstinkt.

Kimmich: Ohne ihn geriet Bayern immer in Rückstand

41 Tage hatten die Spielkader des FC Bayern nach Kimmichs Verletzung während des 3:2 bei Borussia Dortmund ohne den Mittelfeldchef auskommen müssen. Trainer Hansi Flick experimentierte mit Systemen und Spielern – doch einen Ersatz für Kimmichs Position fand er nicht.

In Leverkusen durfte etwa David Alaba mal wieder beweisen, dass er seinem Selbstbild zum Trotz in der Abwehr deutlich wertvoller ist als im zentralen Mittelfeld. Und die anderen Mittelfeldspieler im Kader? Tolisso fehlt die Präsenz, Javi Martinez die Dynamik (und er ist auch wieder verletzt), Marc Roca das Vertrauen des Trainers, Jamal Musiala der Körper. Zudem ist er mit seinem riskanten Spiel in einer offensiveren Rolle wertvoller.

Und so verliefen in den kimmichlosen Wochen die Spiele der Münchner in der Bundesliga im Grunde immer nach dem gleichen Muster: Bayern tat sich schwer, der Spielaufbau war schwerfällig, das Pressing statisch, das Mittelfeld undominant und verlor zu viele Bälle.

Wenige Minuten nach Kimmichs Verletzung war Bayern in Dortmund in Rückstand geraten. Das wurde zur schlechten Gewohnheit. In den letzten sieben Bundesligaspielen lag Bayern mit 0:1 zurück, siebenmal retteten vorwiegend Kingsley Coman oder natürlich Robert Lewandowski am Ende zumindest noch einen Punkt.

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